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Behandlung von Menschen mit chronischen Wunden: „Wir kommen Schritt für Schritt zum Therapieerfolg“

Expertenmeinung

Carsten Hampel-Kalthoff weiß, was er will: Menschen mit chronischen Wunden bestmöglich versorgen. Dafür hat er den richtigen Job. Denn er ist pflegerischer Fachexperte für Menschen mit chronischen Wunden und Geschäftsführer der ORGAMed Dortmund GmbH. Wie moderne Wundversorgung dort umgesetzt wird, erzählt der Experte im Gespräch mit L&R. 

„Auch in der Pflege hat sich das Fachwissen in letzter Zeit stark vergrößert“, stellt Hampel-Kalthoff fest. Doch was haben die Patienten von der grauen Theorie? Damit sie von den Innovationen im Wundmanagement profitieren, setzt der Experte bei der ORGAMed auf interprofessionelle Ansätze: „Wir beurteilen die Versorgungssituation und unterstützen Ärzte oder Pflegefachkräfte vor Ort.“ Hampel-Kalthoff weiß, wovon er spricht: Sein Unternehmen hat drei Pflegetherapiestützpunkte sowie eine Zulassung als Pflegedienst, um Patienten sieben Tage die Woche versorgen zu können. Außerdem gehören physiotherapeutische und lymphologische Therapien der Patienten und Fortbildungsangebote für Pflegekräfte und Patienten zum Konzept.
 

Pflegetherapiestützpunkte als zentrale Anlaufstellen

„Wir arbeiten mit Hausärzten und mit Fachärzten zusammen, aber auch mit Physiotherapeuten, Ernährungsberatern oder orthopädischen Schuhmachern“, so Hampel-Kalthoff. „Wir sehen uns als Auge des behandelnden Arztes, sammeln Informationen und besprechen anschließend die weitere Versorgung.“ Immer im Fokus: der selbstbestimmte Patient, der sich einbringt und Entscheidungen trifft. Die nötige Wissensgrundlage vermittelt Hampel-Kalthoffs Team.

Seine Pflegetherapiestützpunkte bilden zentrale Anlaufstellen für Wundpatienten. Und weil chronische Wunden nun mal keine Pause kennen, sind sie jeden Tag für ihre Patienten da. Sollte ein Patient aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Termin erscheinen, übernehmen Mitarbeiter die Versorgung zu Hause.
 

Chronische Wunden: Maßnahmen priorisieren

„Besonders häufig sehen wir Patienten mit einem Ulcus cruris unterschiedlicher Genese“, berichtet der Fachkrankenpfleger aus seiner langjährigen Praxis. „An zweiter Stelle sind Patienten mit dem diabetischen Fußsyndrom zu nennen, gefolgt von Patienten mit Wunden nach Operationen oder mit Dekubitalulzera.“

Egal, wie die Diagnose lautet – alle Erkrankten durchlaufen zu Beginn der Versorgung eine detaillierte Anamnese. Hampel-Kalthoff: „Wir gehen die gesamte gesundheitliche und soziale Situation durch.“ Erfasst werden beispielsweise Vorerkrankungen, der Gefäßstatus, die körperliche und die kognitive Situation, das Erscheinungsbild der Haut und natürlich auch die Wundsituation. Das Erstgespräch dauert gut und gerne bis zu zwei Stunden, lohnt sich aber. Denn auf der Basis werden Maßnahmen und Prioritäten geplant und mit den Patienten besprochen.
 

Step-by-Step: Behandlung des Ulcus cruris venosum

Die Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden ist nichts für Ungeduldige. Dem Therapieerfolg kann man sich nur Behandlungsschritt für Behandlungsschritt annähern – insbesondere bei der Behandlung des Ulcus cruris venosum (UCV). Der Schlüssel hier: die Kompressionstherapie zur langfristigen Behandlung der Grunderkrankung, der chronisch-venösen Insuffizienz.
 

UCV: Schmerz lass nach 

Doch welche Strategie führt zum Erfolg? Hampel-Kalthoff erzählt von Patienten, die bereits jahrelang darunter leiden. Viele von ihnen haben Schmerzen und die Analgesie ist manchmal alles andere als perfekt. Denn Betroffene lehnen Opioide mitunter ab – aus Angst, süchtig zu werden.

Hier hilft nur eins: Aufklärung. Außerdem sucht der Experte das Gespräch mit den Ärzten. Denn seine Erfahrung hat gezeigt: „Hat der Patient Schmerzen, wird die Kompressionstherapie scheitern.“ Deshalb muss man genau hier ansetzen – indem man Patienten umfassend informiert und sie nach dem WHO-Stufenschema mit Analgetika versorgt, also auch mit Opioiden.
 

UCV: Den Druck langsam aufbauen 

Die Schmerztherapie ist nur der Anfang. Bei jedem Verbandwechsel wird sowohl der Wundstatus als auch die Umgebungshaut beurteilt, um über weitere Maßnahmen zu entscheiden. Diese beginnen mit einer professionellen Haut- und Wundreinigung.

Je nach Wundsituation entscheidet sich, welche Wundauflage zum Einsatz kommt, etwa Superabsorber bei stark exsudierenden Wunden oder PHMB-haltige Materialien bei infizierten Wunden.

Anschließend wird der Betroffene behutsam an die Entstauungstherapie herangeführt. Denn zunächst ist es wichtig, das Ödem zu reduzieren. „Viele Patienten haben negative Erfahrungen gemacht – diese gilt es zu überwinden“, weiß der Experte.

Sein Team beginnt die Kompressionstherapie mit Kurzzugkompressionsverbänden. „Das gelingt sehr gut mit einer Unterpolsterung und mit selbsthaftenden Binden“, so Hampel-Kalthoffs Praxistipp. Und wie so häufig gilt: Bewegung tut gut. Hier hilft sie dabei, die Muskel-Venen-Pumpe zu aktivieren und so den Blutrückfluss zu fördern. Der Anlagedruck wird von Verbandwechsel zu Verbandwechsel erhöht – also keine falsche Scheu davor, die Wunde immer weiter unter Druck zu setzen. Nach einiger Zeit wird sich das Ödem zurückbilden und das Ulcus abheilen.

Zur aktiven Entstauung von Wundpatienten setzt er auf Kurzzugmaterialien: „Wir arbeiten mit selbsthaftenden Binden, Mehrkomponenten-Kompressionssystemen beziehungsweise Kurzzugbinden mit Unterpolsterung in einem Set.“ Bei Vorfußödemen und oder positiven Stemmerzeichen sollten auch die Zehen komprimiert werden.<s> </s>So wird verhindert, dass Flüssigkeit im Zehenzwischenraum austritt, was zu einem Intertrigo führen könnte.

Während in der anfänglichen aktiven Entstauungsphase vor allem Kurzzugbinden verwendet werden, setzt man nach der Ödemreduktion zur erhaltenden Therapie einen Ulcus-Strumpf ein, der aus einem Unter- und einem Oberstrumpf besteht.

Ist das Ulcus dann abgeheilt und hat sich das Ödem zurückgebildet, erhalten Patienten eine individuell angepasste Kompressionstherapie mit medizinischen Kompressionsstrümpfen (Rundstrick oder Flachstrick). Dies ist zur Rezidivprophylaxe dauerhaft erforderlich.  
 

UCV: Patienten und Angehörige einbinden 

Mit seiner systematischen Strategie kommt Hampel-Kalthoff oft zum Ziel. Doch er weiß: Seine Patienten sind unabdingbare Mitstreiter. Deshalb macht er ihnen unumwunden klar, dass ein UCV ohne aktive Teilnahme und Therapietreue niemals abheilen kann. „Wir erklären den Patienten die Ursache ihrer Erkrankung, wie das Gefäßsystem funktioniert und warum es zu Störungen kommt“, sagt der Experte. Wichtig sei, ein gutes abgestimmtes Verhältnis zwischen Stehen, Liegen, Sitzen und Laufen zu erreichen. „Natürlich müssen solche Maßnahmen in den Alltag der Patienten passen“, gibt er zu bedenken. Menschen müssen sich im Alltag bewegen, ihre Muskelvenenpumpen aktivieren, gefördert durch das Tragen geeigneten Schuhwerks. „Je besser man plant, desto besser ist auch die Akzeptanz“, weiß der Experte.

Natürlich können Patienten auf ihre Familienmitglieder bauen. Aber Hampel-Kalthoff warnt davor, ihnen im Alltag zu große Lasten aufzubürden – denn auch sie können damit schnell überfordert werden. Bei der Versorgung gehe es immer darum, das Große und Ganze im Blick zu behalten.