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Experteninterview: 10 Fragen an... Kerstin Protz – Teil 2

Expertenmeinung

 

Kerstin Protz, Projektmanagerin Wundforschung am UKE in Hamburg, setzte sich auf dem DEWU im L&R-Workshop „Kompressionslösungen bei UCV – patientengerecht in jeder Phase“ mit den Möglichkeiten, Hürden und Risiken der Kompressionstherapie auseinander. In unserem Interview erläutert sie uns, wie es um die Kenntnisse der Versorger im Hinblick auf die Kompressionstherapie steht, welche verschiedenen Methoden wann und wie zielgerichtet eingesetzt werden können.

 

In der Entstauungsphase können Kurzzugbinden und Mehrkomponentensysteme angewendet werden. Was spricht für die Verwendung von Mehrkomponentensystemen? 

Kerstin Protz:

Bei der Anlage von Mehrkomponentensystemen müssen keine aufwändigen Bandagierungstechniken beherrscht werden. Zudem haben einige Modelle vordefinierte Dehnungssperrungen oder optische Markierungen, die eine Erzeugung des therapierelevanten Drucks erleichtern. Die abschließende kohäsive Binde, die jedes System enthält, beugt zudem einem Verrutschen vor. Der Anlagedruck bleibt, je nach Entstauungssituation, kontinuierlich bis zum nächsten Verbandwechsel erhalten. Studien und Praxis zeigen, dass Mehrkomponentensysteme schneller zu einer Entstauung führen und dem Patienten einen besseren Tragekomfort bieten. Zudem ist der Betroffene beweglicher im Sprunggelenk, was die Arbeit seiner Venenpumpen unterstützt.

 

Bei vielen Patienten kommt Bettlägerigkeit oder geringe Mobilität hinzu. Ist Kompression in solchen Fällen risikolos anwendbar? Gibt es Methoden, die die Kompression bei weniger mobilen Patienten unterstützen? 

Kerstin Protz:

Die intermittierende pneumatische Kompressionstherapie (IPK) kommt insbesondere bei teil- oder immobilen Patienten zur Anwendung, bei denen eine Kompressionstherapie mit Strümpfen oder Bandagierung aufgrund der kaum vorhandenen Eigenbewegung nicht adäquat wirken kann. Bei diesen Patienten ist die IPK eine wichtige Unterstützung zur (passiven) Aktivierung der Muskelpumpen. Sie verbessert die Blutzirkulation, fördert den venösen und lymphatischen Rückfluss, mindert Schmerzen und entstaut Ödeme. Ein zusätzlicher Vorteil dieser Methode ist die exakte Druckbestimmung, die bei Kompressionsbandagierungen nur mit Druckmessgeräten zu gewährleisten ist. 

 

Hat die Technik der Anlage (Sigg-Technik …) Auswirkungen auf die Kompression oder sind alle Techniken gleichermaßen anwendbar? 

Kerstin Protz:

Generell gibt es Grundsätzlichkeiten einer Kompressionsbandagierung, die jeder Anwender zu beachten hat. Wenn diese Grundsätze beachtet werden, gibt es keine Vorgaben zu bestimmten Techniken. Der Anwender sollte die Technik bandagieren, die er am besten kann.

 

Ab welcher Therapiedauer oder bei welchem Krankheitsstatus sollte ein Kompressionsverband verwendet werden? Wann wird die Therapie mittels Kompressionsstrumpf fortgeführt? 

Kerstin Protz:

Sobald ein stabiler Zustand vorliegt (Erhaltungsphase), d. h. Ödeme sind entstaut und die Ulkusheilung schreitet voran, sollte die Umstellung auf Ulkus-Strumpfsysteme oder medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) erfolgen. Da sich der Beinumfang nicht mehr fortlaufend reduziert, sind keine aufwendigen und auftragenden Bindenbandagierungen mehr notwendig. 

 

Kann der Patient ein Ulkus-Strumpfsystem selbständig anlegen? Hat der Einsatz von Ulks-Strumpfsystemen statt Kompressionsverbänden dadurch auch Auswirkungen auf die Therapietreue der Patienten? 

Kerstin Protz:

Im Gegensatz zu Bindenbandagierungen ist der Patient mit Ulkus-Strumpfsystemen wesentlich beweglicher im Sprunggelenk, hat weniger Schuhprobleme und Einschränkungen durch ggf. verrutschte Binden. Zudem kann er solche Versorgungen oft selbst oder unterstützt durch seine Angehörigen, an- und ablegen. Bei einigen dieser Systeme dient zudem der Unterziehstrumpf als Gleithilfe für den zweiten Strumpf und erleichtert dadurch zusätzlich die Anlage.