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Experteninterview: 10 Fragen an... Kerstin Protz - Teil 1

Expertenmeinung

 

Kerstin Protz, Projektmanagerin Wundforschung am UKE in Hamburg, setzte sich auf dem DEWU im L&R-Workshop „Kompressionslösungen bei UCV – patientengerecht in jeder Phase“ mit den Möglichkeiten, Hürden und Risiken der Kompressionstherapie auseinander. In unserem Interview erläutert sie uns, wie es um die Kenntnisse der Versorger im Hinblick auf die Kompressionstherapie steht und welche verschiedenen Methoden wann und wie zielgrichtet eingesetzt werden können.

 

2018 stellten Sie auf dem DeWu unter dem Schlagwort „Wie wickelt Deutschland?“ eine in 2017 publizierte Studie (Compression Therapy – Cross-sectional observational survey about knowledge and practical treatmnet of specialized and non-specialized nurses and therapists) vor. Darin wird deutlich, dass viele Versorger die verschiedenen Kompressionsmaterialien nicht kennen oder mit deren sachgerechter Anwendung nicht vertraut sind. Wie könnte man Ihrer Meinung nach das Wissen über die Kompressionstherapie weiter verbreiten?

Kerstin Protz:
Die angesprochene Studie weist zudem darauf hin, dass während der pflegerischen Ausbildung die praktische Durchführung der Kompressionstherapie nur innerhalb eines sehr geringen Zeitrahmens, von meist 1-2 Unterrichtsstunden, vermittelt wird. Im Medizinstudium kommt sie meist nicht vor. Bereits in der Ausbildung gibt es Ansätze für eine Optimierung der Situation. Begrüßenswert wären auch unterstützende Projekte, wie themenspezifische Schulungsreihen, eine Aktualisierung der Fach- und Schulbücher sowie neue Wege, z.B. E-Learning.

 

Es gibt Messgeräte, mit denen der Kompressionsdruck bei einem angelegten Kompressionsverband gemessen werden kann. Werden diese im Schulungsalltag regelmäßig angewendet?  

Kerstin Protz:
Diese Messgeräte sind derzeit in Deutschland wenig bekannt und nur über das Ausland zu beziehen. Zudem sind sie relativ teuer und nicht alle Modelle liefern sichere Ergebnisse. Es wäre wünschenswert, wenn diese bereits in der Ausbildung zum Training zum Einsatz kommen und regelmäßige Verwendung in sogenannten Wundzentren finden.

 

Gibt es neben der Messung des Kompressionsdrucks weitere Methoden, mit denen  die korrekte Anwendung der Therapie von weniger erfahrenen Fachkräften überprüft werden kann? 

Kerstin Protz:
Generell ist auch laut dem DNQP Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ für die Anlage einer sach- und fachgerechten Kompressionstherapie ein pflegerischer Fachexperte erforderlich, der über entsprechendes theoretisches Wissen und praktische Fähigkeiten verfügt. Um eine sachgerechte Anlage zu erleichtern, bieten einige Hersteller spezielle Dehnungstechniken oder visuelle Markierungen auf ihren Materialien an, die eine Orientierung bieten können.

 

Wie kann das Fachpersonal den Patienten von der Wirkung und Notwendigkeit einer Kompressionstherapie überzeugen? 

Kerstin Protz:
Nur informierte Patienten können aktive Partner im Versorgungsprozess werden. Daher sollte die Mitwirkung des Patienten von den Versorgern motivierend unterstützt werden. Hierbei ist eine adäquate Edukation, orientiert an den individuellen Bedürfnissen des Betroffenen, das Mittel der Wahl. Unterstützend können geeignete Patienten- und Angehörigenbroschüren (z.B. vom Wundzentrum Hamburg e.V.) zum Einsatz kommen.

 

Was sind absolute Kontraindikationen für die Kompressionstherapie?

Kerstin Protz:
Laut der aktuellen AWMF S2k Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (2019) „Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK)“ werden folgende Kontraindikationen aufgeführt: Fortgeschrittene pAVK (wenn einer dieser Parameter zutrifft: KADI < 0,5, Knöchelarteriendruck < 60 mmHg, Zehendruck < 30 mmHg oder TcPO2 < 20 mmHg (Fußrücken)), dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA III + IV), septische Phlebitis und Phlegmasia coerulea dolens.