Die aktualisierte S2k-Leitlinie „Kompressionstherapie der Extremitäten“ (AWMF 037-005) bestätigt erneut: Kompression ist die zentrale Therapie bei venösen Ödemen und dem Ulcus cruris venosum. Die Leitlinie liefert zudem wichtige Neuerungen für die Praxis, insbesondere zur Auswahl von Kompressionssystemen, zur Entstauungsphase und zur langfristigen Versorgung.
Kompression bleibt der Goldstandard beim Ulcus cruris venosum
Die Leitlinie betont, dass die medizinische Kompressionstherapie integraler Bestandteil der Behandlung phlebologischer und lymphologischer Erkrankungen sowie des Lipödems sein soll. Dabei können Medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS), Medizinische Kompressionsverbände (MKV) oder Medizinische Adaptive Kompressionssysteme (MAK) eingesetzt werden.
Für die Wundversorgung besonders relevant:
- Kompression fördert die Ulkusheilung.
- Kompression reduziert Ödeme, Schmerzen und venöse Stauung.
- Kompression senkt das Risiko für Rezidive deutlich.
- Eine konsequente Kompression verbessert die Lebensqualität der Betroffenen.
Wichtigste Neuerung 2026: Frühzeitige Umstellung auf Kompressionsstrümpfe
Eine der bedeutendsten Änderungen betrifft die Behandlung des Ulcus cruris venosum:
Nach erfolgreicher Entstauung soll die Versorgung nicht dauerhaft mit Kompressionsverbänden erfolgen. Stattdessen empfiehlt die Leitlinie die Umstellung auf medizinische Kompressionsstrümpfe bzw. zweilagige Ulkus-Kompressionsstrumpfsysteme für die Erhaltungsphase.
Leitlinienempfehlung:
Bei Patientinnen und Patienten mit Ulcus cruris venosum sollte nach der Entstauung eine Umstellung von MKV oder MAK auf MKS erfolgen
Zweilagige Ulkus-Kompressionsstrumpfsysteme bevorzugen
Wenn die Kompression mit Strümpfen durchgeführt wird, empfiehlt die Leitlinie den Einsatz von zweilagigen Ulkus-Kompressionsstrumpfsystemen. Diese kombinieren einen Unterziehstrumpf mit einem darüber getragenen Kompressionsstrumpf und bieten eine hohe Wirksamkeit bei gleichzeitig guter Alltagstauglichkeit.
Vorteile:
- hohe therapeutische Druckwerte
- bessere Integration der Wundversorgung
- verbesserte Stiffness
- häufig höhere Adhärenz im Vergleich zu Verbänden
Medizinische Adaptive Kompressionssysteme (MAK) gewinnen weiter an Bedeutung
Klettbasierte, adaptive Kompressionssysteme werden inzwischen nicht mehr ausschließlich für die Entstauungsphase empfohlen.
Die Leitlinie nennt MAK ausdrücklich als Therapieoption:
- in der Entstauungsphase
- bei Ulcus-cruris-Patienten
- bei venösen Ödemen
- in der langfristigen Dauertherapie
Besonders profitieren Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Mobilität oder Schwierigkeiten beim Anlegen klassischer Kompressionsstrümpfe. Die einfache Nachjustierung verbessert zudem die Therapietreue.
Druck allein reicht nicht – Stiffness wird wichtiger
Ein zentrales Thema der neuen Leitlinie ist die Stiffness. Sie beschreibt den Widerstand eines Kompressionsmaterials gegen Umfangsänderungen der Extremität.
Die Experten betonen, dass die Wirksamkeit nicht allein vom Druck abhängt, sondern auch von den Materialeigenschaften. Deshalb sollte bei der Auswahl eines Kompressionssystems neben der Kompressionsklasse immer auch die Stiffness berücksichtigt werden.
Flachstrick bei komplexen Beinformen
Für Patientinnen und Patienten mit:
- ausgeprägten Ödemen
- Lipödem
- Lymphödem
- Adipositas
- tiefen Gewebefalten
- starken Umfangsunterschieden
soll in der Regel eine flachgestrickte Versorgung gewählt werden. Flachstrickmaterialien bieten eine höhere Stiffness und reduzieren das Risiko von Einschnürungen und Druckspitzen.
Erfolgsfaktor: Die richtige Kompressionsklasse
Die Leitlinie verabschiedet sich von starren KKL-Zuordnungen.
Stattdessen gilt:
Es soll immer die niedrigste wirksame Kompressionsklasse gewählt werden.
Das Ziel ist eine bessere Adhärenz. Denn die wirksamste Kompression ist die, die tatsächlich getragen wird.
Adhärenz entscheidet über den Therapieerfolg
Die Leitlinie hebt die Bedeutung der Patientenschulung hervor:
- Sinn und Nutzen der Kompression erklären
- korrekte Anwendung trainieren
- Hautpflege vermitteln
- Bewegung fördern
- Warnzeichen erkennen lassen
Regelmäßige Aktivierung der Muskel- und Sprunggelenkpumpe wird dabei als fester Bestandteil jeder erfolgreichen Kompressionstherapie beschrieben.
Fazit für die Praxis
Die neue S2k-Leitlinie 2026 stärkt die Rolle der Kompression als unverzichtbare Therapie beim Ulcus cruris venosum und bei venösen Ödemen. Besonders relevant für Wundexpertinnen und Wundexperten ist die klare Empfehlung, nach erfolgreicher Entstauung auf medizinische Kompressionsstrümpfe – bevorzugt zweilagige Ulkus-Kompressionsstrumpfsysteme – umzustellen. Gleichzeitig gewinnen adaptive Kompressionssysteme und die Berücksichtigung der Stiffness bei der Produktauswahl zunehmend an Bedeutung.

