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Diabetisches Fußsyndrom (DFS): „Die Wunde muss entlastet werden“

DFS

Druckentlastungen beim DFS müssen zum Lebensalltag passen, damit Patienten sie auch akzeptieren. Dr. Dirk Hochlenert, Leiter des Zentrums für Diabetologie, Endoskopie und Wundheilung Köln, arbeitet deshalb gern mit einem Polster, das er an der Fußsohle befestigt: eine erfolgreiche, aber in Deutschland kaum verbreitete Methode. 

„Der diabetische Fuß ist medizinisch-wissenschaftlich ein sehr spannendes Feld, es gibt immer noch neue Entwicklungen“, erzählt Dr. Dirk Hochlenert. Grund genug für ihn, sich ganz der Thematik zu widmen. Sein Ziel ist, die Versorgung beim DFS zu verbessern, etwa durch neue Techniken, die Patienten ihren Alltag erleichtern. Zusammen mit weiteren Ärzten, MFA, Wundassistenten und Diabetesassistenten betreut er pro Jahr 2.100 Patienten mit DFS, davon leiden 800 an Wunden oder am Charcot-Fuß. Wie geht der Experte vor, um optimale Resultate zu erzielen?


Den Patienten zuhören und gemeinsam Lösungen entwickeln

„Beim diabetischen Fuß werden Wunden ständig erneuert, wir sprechen nicht von Wundheilungsstörungen im eigentlichen Sinne“, erklärt der Facharzt. Aufgrund von Polyneuropathie setzt das Schmerzempfinden aus und Patienten belasten ihre Läsion weiter. Kommen sie in das Zentrum für Diabetologie, Endoskopie und Wundheilung, geht Hochlenert systematisch vor: „Ich bin neugierig, welche Wünsche ein Mensch, der vor mir sitzt, im Leben genau hat.“ Die Erwartungen sind ganz unterschiedlich, geben aber eine wichtige Orientierung für das weitere Vorgehen. Möglicherweise spielen Wunden nicht die große Rolle und stationäre Aufenthalte werden als Belastung empfunden. Und wer auf das Auto angewiesen ist, braucht Lösungen, um mobil zu bleiben. „Mein Anspruch ist, einen Kompromiss zwischen dem medizinisch Notwendigen und den eigenen Wünschen zu finden“, fasst Hochlenert zusammen.


Zwei zentrale Fragen der Wundversorgung

„Für die weitere Behandlung muss ich zwei zentrale Fragen klären“, verdeutlicht er. „Warum haben sich Wunden überhaupt entwickelt, und warum ist genau diese bestimmte Stelle betroffen?“ Zum Hintergrund: Unsere Füße sind per se stark belastbar. Auch wer sich ein Leben lang bewegt, hat im Alter in der Regel keine Läsionen. Beim DFS verringert die Polyneuropathien jedoch das normale Schmerzempfinden und wiederholte Überlastungen lassen Wunden nicht mehr abheilen. „Ich kann die Polyneuropathie nicht beheben, aber ich kann Trigger für Wunden abstellen“, weiß der Diabetologe. Ob tatsächlich Belastungen das Geschehen erklären, lässt sich anhand von zwei Merkmalen belegen: Hyperkeratosen im Randbereich der Wunde und tastbare Knochenvorsprünge unter der Wunde.


„Geschützes Gehen“ durch Polster

Wie geht es weiter? Nach Debridement und lokaler Wundversorgung kommt die Entlastung – Überlastungssituationen gebe es bei 95 Prozent aller Personen mit DFS, berichtet der Experte. Er rät dringend davon ab, Patienten in ihrer Mobilität einzuschränken. „Unser Anspruch ist, dass die Entlastung 24 Stunden am Fuß ist, und zwar bis zur Abheilung von Wunden.“

Das ist leichter gesagt als getan. Hilfsmittel, die nicht zum Alltag des Patienten passen und sich dann noch leicht entfernen lassen, werden nicht konsequent getragen. Deshalb setzt Hochlenert in vielen Fällen auf die Druckentlastung durch Polster. Läsionen befinden sich in Aussparungen des Materials. Aussparungen dürfen aber nie alleine bleiben. Es muss zwingend eine Stütze des Knochens, der den verursachenden Vorsprung trägt, hinzu kommen. Sonst würde der Knochenvorsprung einfach in die Lücke einsinken, was erneute Überlastungen zur Folge hätte. Hochlenert: „Die Wunde muss schweben, also im Zuge der Druckentlastung durch das Polster nicht mehr den Boden berühren.“ Das angelegte Polstermaterial behindert das Gehen kaum und wird in der Regel von Patienten nicht eigenmächtig entfernt. „Unsere Lösungen ermöglichen Patienten, ihren Alltag weiter zu bewältigen, etwa, sich weiter zu bewegen und soziale Kontakte nicht zu vernachlässigen.“ Die Technik eignet sich für fast alle Wunden mit Ausnahme von Ulzera an der Ferse oder sehr großflächigen Ulzera.

Alle Materialien bringt das Praxisteam zu Beginn der Therapie selbst auf. Patienten, ihre Angehörigen oder Pflegedienste, übernehmen künftig die Aufgabe. Alexander Schmitz, er ist Wundassistent (DDG) und leitet die Wundambulanz, weist sie mit tatkräftiger Unterstützung seines Teams in die Technik ein. Alle Informationen gibt es auch zum Mitnehmen als Flyer. Verbandschuhe sind der Standard, aber auch hier wird versucht, über Kooperationspartner unauffälligeres Schuhwerk anzupassen. Hochlenert: „Kein Patient verlässt mit den gleichen Schuhen unsere Praxis, mit denen er zu uns gekommen ist.“ Für Notfälle hat er sogar geeignetes Schuhwerk im Depot.


Erfahrungen teilen, Wissen weitergeben

Der Erfolg gibt dem Diabetologen recht. Er konnte nicht nur viele Amputationen verhindern, sondern die Lebensqualität unzähliger Patienten verbessern. Noch heute erinnert er sich an einen älteren Geistlichen, der trotz DFS zum Papst reisen wollte. Aus medizinischer Sicht hatte Hochlenert Bedenken, stattete den Patienten jedoch mit zugeschnittenem Polster zur Entlastung aus. Und siehe da: Trotz weiter Fußwege in Rom heilte die Wunde ab. Dieses Wissen möchten Dr. Dirk Hochlenert und sein Kollege Dr. Gerald Engels mit anderen Ärzten bzw. Wundassistenten teilen. Deshalb bieten sie über die CID GmbH Filzkurse für alle interessierten Health Professionals an.




Links:

Zentrum für Diabetologie, Endoskopie und Wundheilung Köln: https://diabetes-koeln-nippes.de

CID GmbH (Kursangebote, u.a. „Filzkurse“): https://cid-direct.de/ in der Rubrik Fortbildungen

Initiative „Amputation verhindern“ von Dr. Hochlenert und Kollegen: https://www.amputation-verhindern.de/

Debridement: http://flexikon.doccheck.com/de/Debridement 

Diabetisches Fußsyndrom: http://flexikon.doccheck.com/de/Diabetisches_Fu%C3%9Fsyndrom

Phasen der Wundheilung: http://flexikon.doccheck.com/de/Wundheilungsphasen

Charcot-Fuß: https://flexikon.doccheck.com/de/Charcot-Fu%C3%9F

Polyneuropathie: https://flexikon.doccheck.com/de/Polyneuropathie

Diabetische Polyneuropathie: https://flexikon.doccheck.com/de/Diabetische_Polyneuropathie